"ich weiss, wie man im strafraum beton anmischt."
sagt nicht edinson cavani, stürmer bei paris saint-germain.
sagt nicht mario himsl, fussball-lehrer aus otterskirchen.
"ich weiss, wie man im strafraum beton anmischt."
sagt martin kušej , der designierte direktor des wiener burgtheaters (im interview mit der "süddeutschen zeitung"). da bahnt sich was an im österreichischen nationalheiligtum.
warm anziehen, wien!
Samstag, 9. Dezember 2017
Mittwoch, 6. Dezember 2017
PRANGINS: WORLD PRESS PHOTO
80‘000
bilder hat die jury des internationalen wettbewerbs „world press photo“ dieses
jahr visioniert. 80‘000 bilder von 5000 fotojournalisten. bilderflut,
reizüberflutung, realität 2017. die teilweise ikonischen fotos der preisträger
sind jetzt im musée national im château de prangins bei nyon ausgestellt. das
attentat auf den russischen botschafter während einer vernissagenrede in einer
galerie in ankara (aus nächster nähe fotografiert), die blutigen opfer des vom
philippinischen präsidenten duterte verschärften drogenkriegs mitten auf der
strasse (in diffusem licht), in ruinen vegetierende menschen in ukrainischen
unstädten (trost- und perspektivenlose porträts) – es sind bilder oft hart an der grenze. 80‘000
bilder dürften in etwa auch dem entsprechen, was ein durchschnittlicher mensch
im lauf eines jahres wahrnimmt, bewusst und unbewusst. die präsentation in
prangins, grossformatig, sorgfältig, unaufgeregt, soll auch ein anreiz sein, dieser
bilderflut im alltag wieder anders zu begegnen, bilder wirken zu lassen, bilder
zu lesen, zu interpretieren, konsequenzen daraus zu ziehen. in den räumen
darunter läuft parallel die ausstellung „swiss press photo“. ein eigenartiger
kontrast: gerhard pfister stochert im nebel, doris leuthard küsst, samih
sawiris protzt, kühe fahren schiff. die direkte gegenüberstellung mit den
brutalen szenen weltweit mag zweierlei auslösen: wir leben auf einer insel der
glückseligen / wir leben auf einer insel der naiven.
Donnerstag, 30. November 2017
LUZERN: MANON
diese
oper ist zu kurz. ja, das gibt es. die unmögliche liebe einer lebenslustigen
jungen frau, die ins kloster soll, und eines theologiestudenten, ihr
unaufhörliches hin und her zwischen rauschhaftem leben und wahrer liebe, ihre
immer wieder schmerzhaften trennungen wegen echten und falschen gefühlen und
wegen wertvollen und falschen freunden – das alles braucht zeit, um sich nachvollziehbar
zu entwickeln. diese zeit gönnte schon jules massenet seiner „manon“ (und ihrem
publikum) nur knapp, das geht hopp-hopp vom liebhaber zum nebenbuhler, vom hoch
zum tief, vom ballsaal ins priesterseminar, von der provinz nach paris und wieder
zurück. und was machen dirigent yoel gamzou und regisseur marco štorman am
luzerner theater? sie kürzen noch mehr, lassen diverse chorszenen, ballette und
zwischenspiele ebenso weg wie bühnenbilder und blicken in einer unterkühlten
neon-welt spotartig auf dieses leben und diese liebe: ein „manon“-konzentrat,
das die komplexe geschichte dieser frau nur mehr erahnen lässt. zum glück
entfaltet massenets musik mit ihren wirkungsvollen motiven und emotionalen
wechselbädern selbst in dieser kastrierten fassung eine phantastische
dramatische wucht. und zum glück schafft es das hervorragende junge ensemble,
diese zum kammerspiel reduzierte lyrische tragödie immer wieder kraftvoll und glaubhaft aufzuladen:
nicole chevalier als manon, diego silva als des grieux und bernt ola
volungholen als manons cousin lescaut sind als permanente wandler zwischen
ihren überschäumenden träumen und verzweifelter einsamkeit sowohl stimmlich wie
auch darstellerisch eine spitzenbesetzung. der zuschauerraum des luzerner
theaters war bei dieser vorstellung halb leer. der halb volle teil applaudierte
begeistert.
Donnerstag, 23. November 2017
LUZERN: RADICAL HOPE NO1 / PILATUSBLICK
sie tanzen sich die seele aus dem
leib. 14 jugendliche aus afghanistan, eritrea, somalia, äthiopien und der
schweiz, die meisten von ihnen unbegleitete minderjährige asylsuchende, die
zurzeit im zentrum pilatusblick in kriens wohnen. im südpol zeigen sie die tanzperformance
„radical hope no1 / pilatusblick“, die die beiden choreografinnen beatrice
fleischlin und anja meser mit ihnen einstudiert haben. bilder aus ihrer
vergangenheit tauchen auf: mal liegen sie in leichensäcken auf kriegsversehrtem
terrain, mal führen sie lustvoll körperbetonte tänze aus ihrer heimat vor, mal
sind sie eine flüchtlingsgruppe, die es fast nicht schafft, keinen zu
verlieren. dazwischen tritt immer wieder einer frontal vors publikum und
erzählt seine geschichte: wie er weg musste aus seinem land, wie er seine
familie verlor, wie ihn die flucht immer wieder an seine grenzen brachte. das
geht unter die haut, denn sie sind erst 14, 15, 16 jahre alt und haben schon
unmenschlich viel hässliches erlebt. doch aus diesen alten geschichten schöpfen
sie glücklicherweise energie für neue: dann tanzen sie wieder, wild und raumgreifend, und ihr tanz ist
ein drang nach leben, nach gemeinschaft, nach zukunft, nach einer anderen,
neuen form von heimat. „what is hope for me? what is hope for you?“ fragt anouk
singend. man schaut in die grossen augen dieser jungen menschen, so gross wie
ihre hoffnungen und ihre träume. nicht wut, sondern mut leitet sie; das ist
beeindruckend, zutiefst beeindruckend.
Dienstag, 14. November 2017
MÜNCHEN: KATASTROPHE #2
„katastrophe“
heisst vielsagend die reihe, in der ensemblemitglieder der münchner
kammerspiele einen abend selber gestalten. unter dem nicht näher ausgeführten titel "nigorozorudoka" bestreitet der tolle jungschauspieler thomas
hauser die runde 2 dieser reihe mit einem speedrun zum thema mediatisierung
total. eingestimmt werden wir mit der aktuellen tagesschau – ohne bilder. dann
monologisiert hauser im eidottergelben sweatshirt und mit glatter glitterfrisur die
tragische geschichte eines familienvaters, der in und trotz anwesenheit seiner
liebsten gänzlich der tv-serie „mash“ anheimfällt, die in einem feldlazarett
der us army während des koreakrieges spielt (eine sequenz aus david foster
wallace´ kultroman „infinite jest“). schliesslich vergnügt er sich mit seinem
kumpel niklas herbert wetzel 70 (!!) minuten lang beim videospiel „the legend
of zelda – breath of the wild“; die beiden jagen uns via grossleinwand über
immer neue hochplateaus zu immer neuen schreinen mit immer neuen monstern,
derweil sie über das "ministerium der euphorie" im menschlichen gehirn,
epileptische anfälle und ihre auswirkungen auf lustzentren, rivalitäten um
einen teller suppe und den unterschied zwischen freiheit von etwas und freiheit
für etwas philosophieren (auch wieder foster wallace). erkenntnis 1 (nicht neu): jungs
haben beim gamen nicht nur gewaltphantasien und quasseln nicht nur dummes zeug.
erkenntnis 2: ich habe, akustisch und inhaltlich, nicht alles verstanden.
erkenntnis 3 (nicht neu): videogames machen mich, in dieser reihenfolge, unruhig, ungeduldig, aggressiv – wann geht das endlich, endlich zu ende? erkenntnis
4: die münchner kammerspiele haben meinen bedarf an
performance-impro-spontan-spektakel auf eher durchschnittlichem niveau jetzt
ausreichend gedeckt; ich möchte wieder mehr kluges theater sehen und weniger
"katastrophen".
Samstag, 11. November 2017
MÜNCHEN: MAUSER
leichen
werden herbeigeschafft und auf haufen geworfen. immer wieder erhebt sich ein
toter aus den leichenbergen, stellt sich mit flatternden beinen auf die anderen
und denkt laut nach über das töten und die gewalt als mittel zur veränderung.
im hintergrund schaut heiner müller kritisch-distanziert zu, auf einem
bühnenhohen und bühnenbreiten schwarz-weiss-porträt. „wofür sind wir bereit zu
töten? wofür sind wir bereit zu sterben?“ heiner müller erzählt in „mauser“
eine geschichte aus dem russischen bürgerkrieg, als der leiter des
revolutionstribunals von witebsk das töten plötzlich nicht mehr als arbeit,
sondern als lust empfindet und damit für die revolution unbrauchbar wird. zum
müller-text entwickelt der kroatische regisseur oliver frljić im marstall des
münchner residenztheaters mit einer schauspielerin und vier schauspielern eine
bildwuchtige phantasie voller gewaltexzesse und erniedrigungen, unterlegt mal
mit fegigem balkan-brass, mal mit düsteren requiem-sequenzen. teilweise lässt
er die spieler nackt agieren, beim holzhacken zum beispiel und in
interviewszenen, um den terror der gedanken über die körper zu illustrieren und
die verletzlichkeit des individuums in der revolutionären masse. frljićs ansatz
verdeutlicht, wie sehr revolutionen mehr schwierige fragen aufwerfen als
brauchbare antworten liefern. und: dass lehrstücke nicht als politische
pamphlete taugen, sondern allenfalls als spielerischer beitrag zu kontroversen.
am schluss zerschmettert nora buzalka mit dem beil eine heiner-müller-büste aus eis. der
autor nimmt´s gelassen; er tritt aus dem off hinzu und kippt das zerbrochene
eis ins whisky-glas. schon zuvor hatte er den drastischen diskurs wieder auf
normalmass gestutzt: „ich schreibe mehr als ich weiss.“
Donnerstag, 9. November 2017
MÜNCHEN: DIE KOMPLIZIN DER MUSIK
das
büro der verstorbenen stararchitektin zaha hadid, herzog & de meuron, jean
nouvel, henning larsen, david chipperfield – die champions league der
architekten beteiligte sich am wettbewerb fürs neue münchner konzerthaus. doch
abgeräumt hat das international kaum bekannte büro cukrowicz nachbaur aus
bregenz. die vorarlberger entwarfen als hülle um die drei konzertsäle eine sich
nach oben verjüngende, transparente scheune, die nächtens, wenn die musik
spielt, in die stadt hinaus leuchtet. eine bestechende idee. „die architektur
ist die komplizin der musik. es ist ihre rolle, die sucht des musikliebhabers
zu verstärken.“ das schrieb jean nouvel in seinem konzept für münchen; es
trifft, genau so poetisch und genau so ultimativ, auch auf das siegerprojekt
zu. jetzt, wo die 31 ergebnisse des wettbewerbs mit modellen, plänen und
visualisierungen zu besichtigen sind, darf man auch sagen, dass cukrowicz
nachbaur den mit abstand wärmsten, elegantesten grossen konzertsaal
präsentieren. bei den anderen: mehrheitlich schummrige höhlen oder kubische
kühlräume, wo die musik wahlweise ersticken oder erfrieren würde (diese architekten waren vermutlich noch nie in einem konzert). bei den siegern dagegen:
viel holz, weiche linien, behaglichkeit. nur mit dem standort der neuen musikscheune wird man sich
noch anfreunden müssen. das werksviertel, hinter den gleisen des münchner
ostbahnhofs, ist eher ein ort für tatort-kommissare als für
konzertbesucherinnen. doch man kann es auch anders drehen. es gibt neben brachen und werkhallen auch ein paar
coole läden hier und ein paar coole clubs; das werksviertel ist quasi das
hafenviertel einer stadt ohne hafen. und hafenviertel sind ja, von riga bis
lissabon, nach wie vor ziemlich hip.
Mittwoch, 8. November 2017
MÜNCHEN: BEWERBUNG BEIM PUBLIKUM
cyril
manusch ist woyzeck. und sein hauptmann. und sein doktor. wie auf einer
slackline setzt der 24jährige behutsam einen fuss vor den anderen, bewegt sich
spastisch und akrobatisch, spricht dazu die monologe und dialoge, verrenkt sich
und verklemmt sich, plötzlich rennt er die wand hoch, mehr verzweiflung als
befreiung, wirft sich runter, breakdance trotz fussverletzung, auf alle viere,
auf den bauch, das innen wird nach aussen gekehrt, es ist die tortur eines
gejagten und geplagten. diese zehnminütige büchner-body-performance ist der
höhepunkt des diesjährigen absolventenvorsprechens der otto-falckenberg-schule
an den münchner kammerspielen. und sie ist ausgesprochen typisch für diesen
jahrgang: denn auch wenn vera flück und louis nitsche aus „mamma medea“ von tom
lanoye spielen, lea johanna geszti und anna platen woody allens „central park
west“ oder max krause kafkas „brief an den vater“, immer ist dies ein theater
von ausgeprägter körperlichkeit. kein wunder, wenn man in ihren
künstlerbiografien die rubrik „körper“ studiert: aikido, bodypercussion,
capoeira, voltigieren, hiphop, surfen, bauchtanz (wo früher allenfalls mal „fechten“
stand). mit diesem versprechen, texte und gedanken immer auch physisch und
sinnlich zu steigern, haben die fünf frauen und fünf männer der abschlussklasse
ihr casting, ihre bewerbung beim publikum, bestens bestanden. man darf sich auf
ihre weitere entwicklung freuen, auf momente des zaubers und der kraft, auf
viel bewegung in den theatern.
Dienstag, 7. November 2017
EBIKON: (DEAD) MALL OF SWITZERLAND
abweisende,
dunkle korridore. sale-schilder in zerbrochenen schaufenstern. rostende
rolltreppen, bei denen einzelne stufen fehlen. verdorrte pflanzen am rand von
grüngrauen pfützen. einstürzende galerien und bröckelnde deko-elemente. schnee
fällt durchs kaputte dach. kein mensch, nirgends. – das sind die trostlosen
bilder aus den „dead mall series“ auf youtube. die klickraten zeigen: kult. 44
folgen hat der 40jährige amerikanische filmemacher dan bell bis jetzt gedreht.
völlig unspektakuläre aufnahmen von den konsumtempeln seiner jugend, die
mittlerweile ausgestorben sind und nicht einmal mit dem charme von friedhöfen
mithalten können. dead malls. die grosse zeit der shoppingcenter geht zu ende,
die umsatzzahlen brechen regelrecht ein. einkaufstourismus und internet sind
die sterbehelfer; die schweizerinnen und schweizer gaben 2016 im schnitt 2400
franken für online-einkäufe aus, total 11,2 milliarden (gemäss netcomm suisse
und srf). das centro ovale in chiasso überlebte gerade mal drei jahre. und
morgen wird jetzt also, allen trends zum trotz, die mall of switzerland in
ebikon eröffnet, mit 65´000 quadratmetern das grösste einkaufszentrum der
zentralschweiz, das zweitgrösste der schweiz, gebaut mit öligem geld aus abu
dhabi. wie lange wollen wir ihr geben? auch drei jahre? fünf jahre? zwanzig
jahre, die hälfte davon von heftigem röcheln begleitet? die bilder, wie´s
danach aussieht, stehen schon jetzt im netz.
Montag, 6. November 2017
BASEL: FOREVER YOUNG
„die
zeit im jungen theater hat mich aufgerüttelt, wütend und empört gemacht, gab
mir den mut, mit lauter stimme zu sprechen.“ noemi steuerwald ist eine von
hunderten, die als 14- bis 24jährige im jungen theater basel spielten und im
und mit diesem theater erwachsen wurden. das jtb ist eine institution: 40
jahre, 75 produktionen, manche über 100 mal aufgeführt, internationale
gastspiele und preise, beginn zahlreicher theater- und filmkarrieren (marie
leuenberger, ueli jäggi als rollschuhfahrender orgasmus, dani levy, rafael
sanchez). zum 40-jahr-jubiläum hat der basler kulturjournalist alfred
schlienger für den christoph merian verlag einen liebe- und lustvollen,
detailreichen und prachtvoll illustrierten band gestaltet: „forever young –
junges theater zwischen traum und revolte.“ zusammen mit dramatikern und
psychologinnen, mit spielerinnen und soziologen macht sich schlienger auf die
suche nach dem rezept dieses durchschlagenden erfolgs. das ergebnis ist nicht
einfach ein hübsch eingebundenes kompliment zum geburtstag, sondern intensives
nachdenken über aufgabe und wirkung zeitgenössischen theaters – und deshalb für
theaterleute und -publikum auch anderswo von interesse. was in basel so toll
funktionierte und immer noch funktioniert, lässt sich so zusammenfassen:
jugendliche frische und authentizität, intensive auseinandersetzung mit
identität und integration, inhaltliche dringlichkeit, innovation als konzept
und motor, grosse ernsthaftigkeit und sorgfalt der erwachsenen profis im umgang
mit den jugendlichen – und immer wieder: magische momente. „dieses theater ist
eine übung in sachen gesellschaft“, sagt der kulturtheoretiker dirk baecker auf
seite 182. applaus fürs jtb.
Freitag, 27. Oktober 2017
ZÜRICH: BUDDENBROOKS
in
einer tragenden rolle: die motorsäge. der zu beginn die ganze bühnenbreite
füllende stattliche, weisse tisch wird während der dreistündigen aufführung
etappenweise zerstückelt, erledigt, entsorgt. ein ziemlich drastisches,
bisweilen albernes bild, um den „verfall einer familie“ zu illustrieren, wie
thomas mann seinen roman „buddenbrooks“ im untertitel nannte. in den trümmern
dieses (selbstredend) mit videokameras in nahaufnahme dokumentierten
sägemassakers gelingt regisseur bastian kraft am schauspielhaus zürich
allerdings eine beachtliche, teilweise bezaubernde familienaufstellung. kann ja
nicht jeder, 800 seiten roman einfach so eindicken. claudius körber spielt den
hanno, den letzten stammhalter der buddenbrooks, der mit 15 an typhus stirbt:
lustvoll und empathisch erzählt er die geschichte vom fall der lübecker
kaufmannsdynastie aus seiner sicht, wie ein wichtel wirbelt er durch die
familienchronik und die tischtrümmer, da kommt ganz viel von thomas manns sanft-ironischem
zugriff auch auf heikelste episoden rüber. mit tempo und leichtigkeit verbindet
dieser hanno die szenen und die menschen, die zunehmend gefangen sind in der
diskrepanz zwischen grossbürgerlichen zwängen, geschäftlichen traditionen und
dem wunsch, frei atmen zu können und auch den musen und der musse ihren platz
zu geben. geschäfte fallieren, ehen zerbrechen, träume werden zu albträumen. ein
erstklassiges ensemble schafft diesen permanenten tanz zwischen heiss und kalt,
zwischen fassung und verzweiflung, zwischen hochmut und abstiegsangst, es jagt
durch diesen eskalierenden familienirrsinn, der auch ohne motorsäge ganz schön
an die nieren ginge.
Montag, 23. Oktober 2017
FREIBURG IM BREISGAU: HOFFMANNS ERZÄHLUNGEN
der
französische tenor sébastien guèze tritt so smart auf wie der leibhaftige
österreichische steilstarter sebastian kurz, verfügt über eine helle, lyrische
stimme – und: er wusste am mittwoch noch nicht, dass er am sonntag in der première von „hoffmanns erzählungen“ am theater freiburg im breisgau die hauptrolle singt, als ersatz
für den erkrankten rolf romei. einspringen ist daily business im
theaterbetrieb, doch mit nur zwei tagen proben in eine derart komplexe
inszenierung einzusteigen, und dies mit zunehmend betörender brillanz, das ist
schon eine meisterleistung. denn das französische regiekollektiv
clarac-deloeuil > le lab liefert keine handelsübliche lesart von offenbachs
oper. die bühne ist ein weiss gekachelter raum, labor und studio in einem, in
dem eine blonde moderatorin auf acht bildschirmen als erstes bekannt gibt, dass
der literaturpreis 2017, in anerkennung seiner herausragenden impulse für die
zeitgenössische literatur, an e. t. a. hoffmann geht. die zweifel und
selbstzweifel des toten dichters, sein scheitern in liebe und kunst, nehmen die
regisseure zum anlass, ganz generell über dichtung und ihre wirkung
nachzudenken. „wozu dichter in dürftiger zeit?“ fragen sie mit hölderlin. eine
schauspielerin und ein schauspieler, die hoffmanns muse assistieren, zitieren in dutzenden von intermezzi
dutzende von dichtern und denkern, die ihre rolle und ihre grenzen
reflektieren. diese intellektuellen exkurse funktionieren erstaunlich gut,
zumal fabrice bollon offenbachs romantischen rausch bisweilen überraschend
unromantisch dirigiert. auch dies unterstreicht: dichter leben gefährlich.
dieser freiburger hoffmann wird am schluss erschossen, auftragsmord eines
politikers, doch er lebt weiter durch seine kunst. ja, gerade in dürftigen zeiten
tun dichter not: „es ist uns aufgegeben, wahrheiten auszusprechen.“ viel applaus
für einen eindrücklichen, klugen opernabend.
Freitag, 20. Oktober 2017
MÜNCHEN: DIE LUSTIGE WITWE
hitlers
lieblingsoperette also. über 30 mal soll er sie sich angeschaut haben.
ausgerechnet „die lustige witwe“ eröffnet jetzt das totalsanierte staatstheater
am gärtnerplatz, münchens volksoper. intendant josef e. köpplinger verlegt die
zickzack-romanze der reichen witwe hanna glawari und des lebenslustigen grafen
danilo an den vorabend des ersten weltkriegs. er erfindet den tod als omnipräsente
stumme figur dazu, die der tänzer und choreograf adam cooper zur faszinierenden
hauptrolle macht: mit kahlem kopf und schwarzem mantel, dezent im hintergrund, elegant
im vordergrund, der tod streut rosenblätter, der tod küsst mit, der tod tanzt
im drei-viertel-takt den gesellschaftlichen und staatspolitischen abgründen
entlang. er führt am schluss die männer in den krieg und nimmt sich die witwe,
kein happy-end. so weit, so bitter. daneben allerdings gönnt sich köpplinger
reichlich platz für operettenroutine und -kitsch, mit viel tempo und auf höchst
professionellem niveau, aber von allem a bisserl zu viel: drehbühne
im dauerbetrieb, trockeneisorgien, kostümorgien, champagnerorgien, schlüpfrige
pointen. da wünscht man sich dann immer mal wieder den tod herbei, den
so stilsicheren. tolles leisten der neue chefdirigent anthony bramall und die neue
akustik im orchestergraben: dieser lehár kommt nie klebrig daher, er knistert und
funkelt und sprüht. da können die beiden hauptdarsteller camille schnoor
(witwe) und daniel prohaska (danilo) mit ihren doch eher durchschnittlichen
stimmen nicht immer mithalten, machen das aber mit viel charme wett. apropos
charme: hitler, das ist verbürgt, soll zuhause vor dem spiegel selbstverliebt
den grafen danilo nachgespielt haben, mit zylinder und johannes-heesters-schal.
ach, wäre er doch zur operette.
Montag, 16. Oktober 2017
MÜNCHEN: EINES LANGEN TAGES REISE IN DIE NACHT
im
hintergrund, hübsch aufgereiht, vier schminktische mit persönlichen utensilien:
der rückzugsort für die vier wanderschauspieler, wenn sie gerade keinen einsatz
haben. im vordergrund eine riesige verspiegelte platte als spielfläche,
aufgehängt an vier drahtseilen und deshalb immer in bewegung: leben im
schwebenden zustand, leben auf unsicherem terrain – das ist es dann auch schon
weitgehend, thomas dannemanns regiekonzept für eugene o´neills „eines langen
tages reise in die nacht“ im münchner cuvilliés-theater. dass die absolut
trostlose geschichte der schauspielerfamilie tyrone (die o´neills eigene familiengeschichte
abbildet) trotzdem packt, ist allein dem höchstklasse-ensemble zu
verdanken, das die ausweglosen abhängigkeiten penetrant und präzis zu einem
immer dichteren netz spinnt: sibylle canonica, die mutter, bemüht sich als
morphium-ruine so hartnäckig wie erfolglos um fassung, oliver nägele, der
vater, ist ein vom geiz zersetzter einstiger starschauspieler, aurel manthei
als älterer sohn mäandert brillant zwischen minderwertigkeitskomplex, zorn und
alkohol, franz pätzold als jüngerer sohn kämpft mit hochpoetischen
kabinettstücken gegen seine eltern und seine tuberkulose an. alles ist krank in
diesem haus, alles ist anfauchen, angiften, anwidern. das dauert zwei stunden
und zehn minuten. bei o´neill dauerte es 65 jahre. „ich gehe aus von der theorie,
dass die vereinigten staaten, anstatt das erfolgreichste land der erde zu sein,
der grösste fehlschlag sind. wir hatten so viele möglichkeiten und haben einen
falschen weg gewählt.“ mit diesem satz o´neills im ohr sieht man sein familienstück
aus dem jahr 1956 auch als parabel auf ein zutiefst verunsichertes und
polarisiertes land im jahr 2017.
Mittwoch, 4. Oktober 2017
LUGANO: WOLFGANG LAIB
gibt
es eine ursprüngliche sprache, die verschiedenen kulturen und zivilisationen
gemein ist? diese frage beschäftigt den 67jährigen deutschen künstler wolfgang
laib seit seiner jugend. wenn die grosse laib-ausstellung im museo d’arte della
svizzera italiana in lugano eine antwort auf diese frage ist, dann bewegt sich
so eine ur-sprache im grenzgebiet zwischen natur und spiritualität. laib
studierte ursprünglich medizin und schrieb seine doktorarbeit über die
trinkwasserhygiene in der region nördlich der indischen stadt madurai.
enttäuscht von der vom gewinnstreben geprägten westlichen medizin wandte er
sich dann früh ab und beschäftigte sich mit antroposophischen grundfragen – und
in der folge, als künstler, mit einfachsten materialien: blütenstaub, reis,
milch, bienenwachs sind zentrale elemente seiner plastiken und installationen.
immer wieder blütenstaub. „zeit war und ist ein zentraler knotenpunkt in meiner
arbeit und in meinem leben. blütenstaub zu sammeln bedeutet, für tage, wochen,
monate auf einer wiese zu sitzen … und, nach einem monat hat man ein gläschen
voll blütenstaub.“ das herz der ausstellung in lugano ist ein würfelartiger
mildgrauer raum, in dessen mitte auf dem boden ein grosses quadrat aus
blütenstaub von kiefern hellgelb leuchtet. unfassbar schlicht, unfassbar schön,
eine einladung zur meditation. das publikum setzt sich diesem sinnlichen sog
sichtlich gern aus. und wenn in einer anderen ecke reis in einer messingschale
je nach perspektive wie ein kleines häufchen oder wie ein unüberwindbarer berg erscheint,
dann sind wir dabei mit seele und laib: poesie nicht als selbstzweck, sondern
als ausgangspunkt für eine tiefgründige reflexion der realitäten und
relationen.
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