eigentlich
erzählt die oper „alcina“ von georg friedrich händel (1735) die geschichte einer
einsamen frau, die auf der suche nach liebe reihenweise männer konsumiert und
sie danach in steine oder tiere verwandelt. eine zauberoper, eigentlich. am
luzerner theater nun packt regisseurin barbara ehnes feministische theorie und
entwicklungsgeschichte mit rein, erfindet ein geschlechtsloses gürteltier dazu,
als genderfluide performance von karla max aschenbrenner, und inszeniert die
sekundärliteratur gleich auch noch mit (zum beispiel bei wem händel geklaut
hat). diesen intellektuellen und visuellen rausch könnte man natürlich
krampfhaft finden, man kann sich von der überbordenden phantasie, dieser
kostüm- und kulissenorgie, dieser lust am grenzenlosen spektakel aber auch
einfach anstecken lassen, einem spektakel mit durchaus tieferer bedeutung. bereits
bei händel gerieten die geschlechter durcheinander, kastraten sangen
frauenrollen, mezzosopranistinnen traten in hosenrollen auf, verkleidung und
verwirrung total. dieses spiel nimmt barbara ehnes auf, mal hantiert hier eine
frau mit waffen, mal knetet der mann mit hingabe den zopfteig. das ganze ist
ein inniges plädoyer, altes denken hinter sich zu lassen: „wer wen warum liebt,
definiert sich nicht über die geschlechter.“ elizabeth bailey (alcina), solenn´
lavanant linke (ruggiero), marcela rahal (bradamante), tania lorenzo castro
(morgana) und ziad nehme (oronte) sind ein fabelhaft aufeinander eingestimmtes ensemble, das – trotz anfänglich
eher zähflüssigem dirigat durch jesse wong – die teils mörderische
koloraturakrobatik bemerkenswert schwindelfrei bewältigt. alle fünf machen sich
am schluss in ihrer erstsprache – englisch, französisch, portugiesisch,
spanisch, arabisch – gedanken über eine wünschenswerte zukunft der geschlechterrollen,
über neue, non-binäre ansätze, eine utopie als berührendes finale. bei aller
reizüberflutung muss man sagen: so macht barock echt spass. und was ist barock
schliesslich anderes als reizüberflutung?
Freitag, 31. März 2023
LUZERN: ALCINA
Montag, 27. März 2023
NIEDERRICKENBACH: STUBETE MIT BIRCHERIX
sie heissen
markus, andreas, lukas und linus. vier junge männer, alle arbeiten im
pädagogischen bereich, alle machen seit kindsbeinen musik, alle heissen
bircher. als bircherix treten die vier brüder schon seit einigen jahren auf. dass
ihre motivation und spielfreude so gross ist wie am ersten tag, bewiesen sie jetzt,
als sie sich mit offenkundiger begeisterung zu einem ausgiebigen heimspiel in
niederrickenbach einfanden, das zu ihrer heimatgemeinde oberdorf gehört. zuerst
spielen sich die vier – im rahmen der konzertreihe a-horn in der kleinen kirche
- mit akkordeon, klavier, gitarre, geige und bass quer durch die volksmusik,
die schweizerische, die schottische, die irische, die finnische, covern willi
valotti und res gwerder mit flinken fingern, die den originalen in nichts
nachstehen, und zwischendurch liefern sie auch mal eine saftige portion elton
john. ein grenzenloses vergnügen also. und nach dem nachtessen im benachbarten
pilgerhaus, gemeinsam mit dem publikum, legen die bircherix gleich nochmal los.
stubete! was für eine zauberhafte erfindung! walzer und schottisch mit
wechselnden besetzungen, immer wieder zwinkern sich die bircher-jungs
schelmisch zu, weil sie selber so viel spass haben, es wird getrunken und
gelacht und getanzt, mal muss einer der vier schnell seine kinder ins bett
bringen, mal setzt sich der schwyzerörgeli spielende vater oder ein bekannter
dazu, es gibt „s träumli“ von den geschwistern schmid und „oskis geburtstag“ von
hans della torre, die stimmung wärmt die gaststube bis spät in die nacht. eine
ansteckende familie, eine rundum gefreute sache.
Sonntag, 26. März 2023
LUZERN: WIE VIEL LUXUS BRAUCHT DER MENSCH?
„wie
überflüssig manche dinge sind, merken wir erst, wenn sie auf einmal fehlen; wir
haben sie benutzt, nicht weil wir sie brauchen, sondern weil wir sie eben
haben. wie vieles schafft man sich nur an, weil andere leute es auch haben,
weil alle welt es hat. das ist eine der ursachen unserer nöte, dass wir uns
nach dem beispiel der anderen und nicht nach der vernunft richten, sondern uns
von dem, was die allgemeinheit tut, verleiten lassen. wenn es nur wenige täten,
würden wir es nicht nachmachen; wenn es aber mehrere tun, dann laufen wir ihm
nach, als ob es dadurch richtiger würde, dass es häufiger ist. so nimmt bei uns
der platz des richtigen der irrtum ein, sobald er zum massenwahn geworden ist.“
sagt wer?
sagt greta thunberg? oder luisa neubauer von den fridays for future? nein,
gefehlt. das sagte, respektive schrieb seneca im zweitletzten seiner insgesamt
124 briefe an seinen freund lucilius. vor bald 2000 jahren. („wie viel luxus braucht
der mensch?“, reclam)
Freitag, 24. März 2023
BASEL: DIE PERSER
ein klagelied gegen den krieg. das älteste erhaltene drama der welt, aischylos´ „die perser“, ist ein klagelied gegen den krieg, ein stück gegen die unmenschlichkeit eines wahnsinnigen diktators. aufführen also, jetzt!! die regisseurin sahar rahimi, die aus dem iran stammt und die unterdrückung und den damit verbundenen schmerz mit sich trägt, nimmt am theater basel den alten text von aischylos, unverändert, und stellt ihm aktuelle bilder gegenüber: kontrastierende zeiten, übereinstimmende botschaften. die bühne von evi bauer zitiert das berühmte bild „dead troops talk“ von jeff wall (1992): schwerst verwundete soldaten liegen auf einem zerschossenen abhang, vor dem sich hier immer wieder der chor der klageweiber positioniert. und auch der bote, der den persern die nachricht von der niederlage ihrer flotte und ihres heeres in der schlacht bei salamis überbringen muss, kommt aus der tiefe dieses trümmerfelds. es ist der eindrücklichste moment dieses abends, wie julian anatol schneider diesen langen, sehr langen monolog direkt an der rampe zum publikum spricht, als ein tief traumatisierter, völlig verstört von den kriegsgräueln, die er nicht nur zu berichten, sondern als augenzeuge selbst erlebt hat. später wird der gleiche schauspieler, jetzt als kriegsherr xerxes, von einem kind, das kurz zuvor blumenbedeckt auf dem totenbett lag, an der hand genommen, stumm blicken sie in die ferne, nichts als schutt und asche. das sind unheimliche bilder. anderes wirkt weniger kohärent: wenn die klagenden frauen plötzlich zu heutigen insta-ladies mutieren, die die kriegsopfer nicht nur aus nächster nähe ablichten, sondern sich auch noch an ihnen vergehen, mag dies eine durchaus beabsichtigte umkehrung der verhältnisse sein, wirkt in dieser klischeehaftigkeit aber doch arg verkürzt. aischylos´ starker text funktioniert auch ohne mätzchen.
Donnerstag, 23. März 2023
LUZERN: SOOON MIT ISA WISS
sie trällert und trillert und tiriliert, sie krächzt und kichert, windet und würgt die töne, mal bluesig, mal jodelnd: unglaublich, was mit einer menschlichen stimme alles möglich wird. immer wieder unglaublich, welche bandbreite akustischer facetten die stimmkünstlerin isa wiss ganz selbstverständlich hinkriegt, wie schnell sie die register wechselt, wie spielend leicht das alles rüberkommt. für einmal auf dem schiff, am eröffnungsabend der diesjährigen kunstaheu-reihe auf der am pier 7 am schweizerhofquai vertauten „brunnen“. isa wiss tritt da zusammen mit „sooon“ auf, das sind john wolf brennan (piano, melodica), rätus flisch (bass) und tony majdalani (percussion, vocal), eine fabelhafte bande. alpine worldmusic ist angesagt und es wird eine faszinierende reise durch bekannte und fremde klangwelten. und vor allem wird es eine reise voller musikalischer geschichten: die kompositionen und improvisationen von sooon sind inspiriert von einem türkischen kürbis genau so wie von frida kahlo, vom joik der samen wie von einer fernen oase, von der weggiser sennenchilbi und von alltagsgeräuschen. schöne und schrille und schräge töne, worldmusic als storytelling. man folgt diesen erzählungen, diesem grenzenlosen und sinnenfrohen musizieren – und lässt sich gerne anstecken. vor allem tony majdalani mit all seinem schlagwerk öffnet die herzen des publikums: „trommeln bedeutet für ihn bewusstseinserweiterung“, heisst es irgendwo über ihn. und ja, sooon mit isa wiss, das hat schon was von einer euphorisierenden droge. man verlässt das schiff bereichert und beschwingt.
Montag, 13. März 2023
MÜNCHEN: RICHARD III.
rasant werden die leichen entsorgt – wie die koffer beim sicherheitscheck am flughafen: rauf aufs rollband, rein in die röntgenschleuse und weg sind sie. weg sind sie? richard III. räumt alle weg, die ihm im weg sind, aber los wird er sie nicht. sie kommen retour aus der röntgenschleuse, sie tauchen auf in seinen träumen (hier als wilde kissenschlacht), sie verfolgen ihn in seinen albträumen (jetzt mit fratzenmasken), sie prophezeien ihm seinen untergang. in einer aberwitzig temporeichen inszenierung von maria chagina zeigen studierende der bayerischen theaterakademie shakespeares diabolischste figur und die erbärmliche staffage, die diesen autokraten umgibt. erfreulich, mal nicht lars eidinger (als hamlet an der berliner schaubühne seit 2008), lars eidinger (als richard III. seit 2015), lars eidinger und lars eidinger zu sehen – sondern den nachwuchs, die eidingers von heute und von morgen. luca skupin ist 26, schliesst dieses jahr seine schauspielausbildung ab, hat als richard III. im bodenlangen ledermantel und mit silbernen stiefeletten die fiesen züge und das showtalent von frank’n’furter aus der rocky horror picture show – und nähert sich shakespeares herrscherteufel doch ausgesprochen differenziert: dieser mensch, der alle und alles beherrschen will und dafür über leichen geht, ist nicht aufgrund seiner angeborenen behinderung, seines autismus, dermassen böse geworden, sondern aufgrund all der demütigungen und diskriminierungen, die ihm wegen dieser behinderung widerfahren sind. skupin lässt seine eigenen erfahrungen mit neurodivergenz einfliessen, das ist grosse show und intimes porträt gleichermassen. eine junge, auf sechs mitwirkende und 80 minuten eingedampfte version, aber keineswegs shakespeare-light.
Montag, 6. März 2023
ZÜRICH: GIER
„die aussenwelt wird masslos überschätzt“, sagt w, nachdem sie eineinhalb stunden nichts gesagt hat. „gier“ ist ein stück über die innenwelt. sarah kane schrieb diesen text 1998, ein jahr vor ihrem suizid mit 28. es ist ein text für die vier stimmen a, b, c und m, ein langgedicht über erinnerungen und erwartungen, über die sehnsucht nach geborgenheit und intimität, es sind stimmen im kopf, oft zusammenhanglos, satzfetzen aus der innenwelt. am schauspielhaus zürich wagt regisseur christopher rüping jetzt ein faszinierendes experiment: er setzt w, die im originaltext nicht vorkommt, auf der bühne vor eine kamera und zeigt ihr gesicht auf einer grossleinwand, während a, b, c und m den text performen. w ist die brillante schauspielerin wiebke mollenhauer, sie reagiert stumm auf diese sätze, sie ist schockiert, sie schmunzelt, sie heult immer wieder, einmal schreit sie, sie kommt von diesen träumen und traumata nicht los – und wir haben dieses gesicht immer vor uns, frontal und in übergrösse. dieser dichte kann man sich nicht entziehen; in einem schauspielerischen rausch vermischen sich da poesie und panik, euphorie und ekstase. wird hier ein einzelner mensch gespiegelt? oder eine ganze gesellschaft in therapie? ein streichtrio vor der rampe setzt zwischendurch zarte akzente und ab und zu begeben sich a, b, c oder m auch mal zu w, um sie fein zu berühren oder ihr liebevoll durch die haare zu fahren. es bleiben verzweifelte versuche. „es bin einfach nicht ich“, hämmert der text immer wieder und irgendwann werden die elektronischen heartbeats schneller und die stimmen im kopf lauter. kurz vor schluss verschwindet w von der bühne, rennt – per live-video ins schauspielhaus übertragen – durchs seefeldquartier und stürzt sich in den eiskalten zürichsee (wo sie bis zum schlussapplaus schwimmt). ein radikales mittel, sein ich noch irgendwie zu spüren.
Freitag, 3. März 2023
SOLOTHURN: RIMINI PROTOKOLL
100 gegenstände liegen auf einem langen tisch im kunstmuseum solothurn. 100 persönliche gegenstände von 100 solothurnerinnen und solothurnern: ein geigenbogen, ein notizbuch mit rezepten, ein teddy, ein fcb-shirt, ein globus. ein querschnitt durchs leben, ein abbild der befindlichkeit. „100% solothurn“ ist der neuste streich des kunstkollektivs rimini protokoll. in dutzenden von städten weltweit zogen sie „100%“ bereits durch, casteten dort aufgrund der demografischen daten jeweils eine hundertschaft, porträtierten diese leute und versammelten sie auf einer bühne, wo alle eine für sie wichtige frage stellen konnten und sich die anderen 99 dann um das ich- oder ich-nicht-schild gruppierten. wollt ihr so leben wie eure eltern? wer will besser sein als die anderen? wer ist schwanger? wer kann eine schusswaffe bedienen? wer war schon mal obdachlos? die menschen hinter den statistiken bekommen ein gesicht. das kunstmuseum solothurn widmet rimini protokoll jetzt eine umfassende schau, weil stefan kaegi, einer der drei mittäter, hier seine wurzeln hat. in sieben sälen werden projekte aus den vergangenen zwei jahrzehnten ausgebreitet: wie sie 2015 mit dem publikum des hamburger schauspielhauses die welt-klimakonferenz von paris vorab inszenierten; wie sie pieter bruegels 450 jahre alte bilder bäuerlicher gesellschaften und die globalen netzwerke der lebensmittelindustrie zusammenbringen; wie sie einen oktopus, der auf dem fischmarkt hätte landen sollen, in einem 1300-liter-becken auf einer theaterbühne präsentieren und poetisch performen lassen; wie sie sich auf verschiedenen kontinenten auf die spuren von menschen machen, deren biografien von waffen geprägt sind. man denkt über politik nach, man denkt über kommunikation nach, über den eigenen alltag und den eigenen beitrag zur welt. rimini protokoll, das ist überbordende phantasie und höchste brisanz.