vorsicht,
belcanto-falle. vincenzo bellinis romeo-und-julia-vertonung “i capuleti e i
montecchi” von 1830 ist ein belcanto-heuler, süffige melodien à discretion,
hohes ohrwurmpotenzial, nur geübte opernbesucher pfeifen nicht gleich mit. da
lauert bei der szenischen umsetzung die grosse falle der banalität, der oberflächlichen
opernkulinarik. dass es auch anders geht, beweist der französische regisseur
vincent boussard mit seiner inszenierung an der bayerischen staatsoper. boussard
(auf den ich vor einem halben jahr bei „ezio“ in frankfurt erstmals aufmerksam
wurde) ist ein meister der personenführung. in hohen, leeren, dezent ausgeleuchteten
räumen fokussiert er voll auf die figuren. die grosse begegnung von romeo und
julia im ersten akt wird so zu einer berührenden annäherung zweier jugendlicher
aus verfeindeten familien: unsichere blicke, zaghaftes vortasten, verlegenheit
und übermut in jeder geste, glück und verzweiflung in jeder faser des körpers –
und: 30 minuten lang keine einzige der handelsüblichen opernposen und
rampenschleichereien. silvia tro santafé (romeo) und ekaterina siurina
(giulietta) erweisen sich als idealbesetzung für diesen differenzierten ansatz,
darstellerisch und auch stimmlich: der spanische mezzosopran und der russische
sopran harmonieren vortrefflich. riccardo frizza dirigiert das staatsorchester
mit federnder eleganz und setzt der kalten geschichte verführerisch warme
klänge entgegen, ein kontrast ganz ohne effekthascherei. ein rundum geglückter
belcanto-abend. gibt´s also.
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