"immer dort einen punkt zu machen, wo er am platze ist, ist eine grosse kunst."
sergei michailowitsch eisenstein, 1898-1948, sowjetischer filmregisseur ("panzerkreuzer potemkin", "alexander newski", "iwan der schreckliche").
die sache mit dem punkt gilt nicht nur für filme.
sie gilt für blogs.
sie gilt für schmähbriefe.
sie gilt für romane.
sie gilt für diskussionen.
sie gilt für autokratische ambitionen.
Dienstag, 30. Dezember 2025
MOSKAU: DIE SACHE MIT DEM PUNKT
Samstag, 20. Dezember 2025
MÜNCHEN: FIGAROSSINI
man sitzt an kleinen tischen, bestellt sich ein glas wein, vielleicht ein paar antipasti – für den „barbier von sevilla“ ist die pasinger fabrik zum restaurant „zum schwan von pesaro“ mutiert. schwan von pesaro, so nannten sie den ebenso genialen wie lebenslustigen komponisten gioachino rossini. und um die doch etwas abgelutschte geschichte vom cleveren barbier – graf kriegt ehefrau nur durch intrigen und bestechung – doch mal ein bisschen anders zu drehen, verquickt die pasinger fabrik („münchens kleinstes opernhaus“) diese oper mit der biografie: figarossini also. figaro ist hier auch rossini und rossini, bekanntermassen ein nicht zu bremsender feinschmecker, ist hier auch der wirt. mit seinem wendigen bariton und überbordenden temperament ist frederik baldus eine idealbesetzung für diesen dauer-switch, als komponist lässt er uns quasi teilhaben an der verfertigung seines meisterwerks, die story entwickelt er auf einer etwas gar ärmlich ausgestatteten bühne mit kasperlefiguren und lebendigen puppen (tolle stimmen allesamt), er selber singt die hauptrolle, ein tausendsassa. die rezitative hat regisseur florian hackspiel für dieses witzige making-of-durcheinander entsprechend umgeschrieben, die wunderbaren arien und duette und die hinreissenden quintette dagegen bleiben unangetastet. dirigent andreas p. heinzmann beweist mit seinen klugen arrangements, dass sich auch mit kleinster orchesterbesetzung (5 streicher, 1 querflöte, 1 cembalo, 1 schlagwerk) grosse oper machen lässt. der humor und esprit in rossinis melodien, seine aberwitzigen rhythmischen strudel sind und bleiben ein musikalischer leckerbissen. dieser figarossini ist slapstick fürs auge und fürs ohr.
Freitag, 19. Dezember 2025
ZÜRICH: SEELENLANDSCHAFTEN
neben buenos aires und new york gilt zürich heute als die stadt mit der grössten dichte von psychoanalytikerinnen und psychoanalytikern. sigmund freud sprach schon 1910 von der „welthauptstadt“ der psychoanalyse. „im land der dunklen wälder, stillen seen und tiefen tunnel wurde schon seit langem nach dem ‚grund‘ der menschlichen seele gegraben,“ sagt stefan zweifel, der kurator der ausstellung „seelenlandschaften“ im landesmuseum in zürich. ausgehend vom 150. geburtstag von carl gustav jung entwickelt er eine psycho-geographie der schweiz, ein reiches panorama der auseinandersetzung mit der mentalen gesundheit. ein ganzer raum ist dem „roten buch“ von jung gewidmet, wo er mit notizen, skizzen, mandalas die grundzüge seiner analytischen psychologie entwarf. worauf man dann all den von c.g. jung beeinflussten wissenschaftlichen seelensuchern begegnet, deren motivation und ziel es war, die von gesellschaftlichen zwängen und dem beschleunigten lebensrhythmus herausgeforderte psyche in schach zu halten, und die zunehmend auch in kulturelle, spirituelle und mythologische dimensionen vordrangen. hochspannend auch die grosse abteilung zum thema „seelenkunst“: friedrich nietzsche begann im engadin zu ahnen, dass das „ich“ möglicherweise nur eine illusion ist, dann friedrich glauser, ernst ludwig kirchner, annemarie schwarzenbach, annemarie von matt, robert walser, adolf wölfli – sie alle litten und kämpften mit ihren träumen und trieben, ihre kunst wurde zum spiegel ihrer seele. die allerletzten zeilen im katalog zur ausstellung stammen vom grossen tänzer vaslav nijinsky (ja, der!), es ist ein auszug aus seinem tagebuch: „ich bin überzeugt, gott wird mich gewinnen lassen, deshalb gehe ich an der börse spielen. ich habe keine angst vor der börse, denn ich weiss: gott will, dass ich gewinne. er will, dass ich die börse vernichte.“ nijinsky lebte in der psychiatrischen klinik der familie binswanger in kreuzlingen. nicht im weissen haus.
Dienstag, 16. Dezember 2025
KYJIW: DIE STADT
walerjan pidmohylnyj – nie gehört? ich bis vor kurzem auch nicht. pidmohylnyj war ukrainer und schrieb 1927 „die stadt“, einen breit angelegten urbanistischen roman, einen hervorragenden roman, eine echte entdeckung (deutsch im guggolz-verlag). der junge stepan radtschenko kommt aus ländlichem milieu zum studium in die stadt. dieser schritt ist eine verheissung und verändert stepans leben massiv: „seine gefährliche neigung zur verallgemeinerung und der versuch, die gesetze des weltenlaufs auf grundlage der unvollständigen kenntnisse seiner ersten beiden jahrzehnte auf dieser welt zu bestimmen, lächerlicher und naiver jahre, in denen er immer wieder mit dem kopf an die mauer der realität stiess, wandelte sich nun in den weisen wunsch, die welt schritt für schritt kennenzulernen und ausreichend wissen über sie anzuhäufen.“ pidmohylnyj verfolgt seinen protagonisten auf schritt und tritt durch kyjiw: sachte startet dieser stepan erste literarische versuche, was einen durchaus autobiografischen hintergrund hat, er feiert grosse erfolge, stürzt in ebenso grosse krisen, begegnet frauen, die ihn mal inspirieren, mal anwidern, und gerät immer wieder in zweifel, ob er wirklich in diese stadt gehört. dieser wuchtige grossstadtroman ist also auch ein künstlerroman. mit präziser und praller sprache und atmosphärisch dicht gelingt es pidmohylnyj anhand von stepans komplexem slalom durchs leben und durch kyjiw die ukrainische psyche einer ganzen epoche abzubilden. walerjan pidmohylnyj lebte im budynok slovo (haus des wortes), der legendären literatenresidenz in charkiw. dort wurde er wie dutzende andere moderne und avantgardistische künstler bespitzelt, verhaftet, deportiert und 1937 in einem wald in karelien hingerichtet, erst 36jährig. stalin liess eine ganze generation von ukrainischen intellektuellen buchstäblich ausrotten. auch darüber sollten wir mehr wissen, um die verzweifelte situation der ukraine besser zu verstehen und ernster zu nehmen.
Freitag, 12. Dezember 2025
WEIMAR: HEUTE NACHT ODER NIE
die comedian harmonists mal wieder, sie sind unsterblich, sie sind wieder da. die sechs herren lieferten einst den ultimativen sound der weimarer republik. und jetzt also diese zeiten wieder aufleben lassen, diese melodien wieder mal reinziehen - wo? in weimar natürlich, "heute nacht oder nie" im nationaltheater. erst recht, wenn ein freund mitsingt bei "ein freund, ein guter freund" und all den anderen nicht auszurottenden ohrwürmern. ach was, was heisst da mitsingen? nein, der libanesische tenor ziad nehme (früher luzerner theater, jetzt münchen) ist zentraler part of the show, eingesprungen als harry frommermann - und dieser frommermann war der gründer und geniale buffo der comedian harmonists, eine rampensau im besten sinne, ein virtuoses showtalent mit sprühendem charme und witz, was für ziad gleichermassen gilt. zunächst sitzt er als mürrischer alter mann in wolldecke gehüllt einem reporter gegenüber: frommermann hätte 1975 für einen dokumentarfilm interviewt werden sollen über die erzwungene auflösung der harmonists 1935 (weil er und zwei andere mitglieder juden waren) und die anschliessende aufspaltung in zwei formationen. doch frommermann starb kurz vor dem dreh. dieses interview, das nie stattfand, dient der autorin und regisseurin geertje boeden als roter faden für ihr revival. die dunklen schatten der vergangenheit grundieren und begleiten das leben, das dann in die bude kommt, 19 songs, volle ladung. das famose sextett mit dirk sobe am piano liefert dem begeisterten publikum im nationaltheater einen mitreissenden mix aus kultiviertester gesangskunst, perfekter harmonie und schrägem humor, das funkelt in allen farben, frech, anzüglich, optimistisch, tröstlich, immer wieder auch melancholisch: "irgendwo auf der welt gibt's ein kleines bisschen glück", das war einst - und ist es jetzt wieder - nicht zuletzt ein ansingen gegen die zukunftsverdüsterung.
Donnerstag, 11. Dezember 2025
WEIMAR: POP-UP-WERTHER
Freitag, 5. Dezember 2025
ZÜRICH: IL GATTOPARDO
mamma mia! che bello! einen kompletten sizilianischen palazzo hat bühnenbildnerin michela flück in die zürcher schiffbauhalle gebaut, mit einer saalflucht, einem hausaltar, kronleuchtern, ölgemälden, opulentesten gedecken: vergangene grandezza im cinemascope-format. doch die wände bröckeln und, 1860, der adel bröckelt auch. für ihre erste inszenierung am schauspielhaus hat sich co-intendantin pınar karabulut „il gattopardo“ (der leopard) ausgesucht, den jahrhundertroman von giuseppe tomasi di lampedusa. die geschichte der fürstenfamilie salina, den machtverlust in zeiten politischer erdbeben, den aufstieg des bürgertums und die legendäre liebe zwischen angelica aus bürgerlichem und tancredi aus adligem hause erzählt karabulut mit dem neuen ensemble zunächst hyperrealistisch. wann gab´s denn das zuletzt, denkt man da, dass ein klassiker einfach ganz klassisch aufgeführt wird. doch dann kippt die inszenierung ins unentschiedene: mal macht die regie auf grosse oper, mal spastisches bewegungstheater, mal comedy auf tiefem canale-5-niveau, hysterische anfälle werden peinlich überzeichnet, pater saverio wuselt wie der tatort-boerne durch die morbide szenerie – und man fragt sich, ob hier gar kein klassiker gespielt wird, sondern die parodie auf einen klassiker. gran spettacolo also und wer italien liebt, wird sich durchaus heimisch fühlen. der wirklich grosse moment folgt gegen ende der dreieinhalb stunden und er entschädigt für alle ungereimtheiten. der fürst von salina ist jetzt alt und allein in den riesigen räumen, markus scheumann atmet schwer, stützt sich auf, setzt sich zwischendurch und erzählt in der dritten person seinen abgang, das ganze kapitel „der tod des fürsten“ aus dem roman, dargeboten als monolog: die bilanz eines mannes, um den herum sich die welt veränderte, der umwälzungen teils ahnte, immer reflektierte und oft auch verstand und davon jetzt müde und geschwächt ist. ein grandioser monolog, 38 minuten lang, man sieht und hört und ist gebannt von diesem schauspieler, der aus einer rolle einen charakter macht, einen grossen charakter, einen zeitlosen charakter, eine sternstunde des theaters.
Mittwoch, 3. Dezember 2025
ROMA: LOHENGRIN
"mein lieber schwan"? gar nix schwan. an der römer oper wird lohengrin, der herbeigeträumte grosse problemlöser, nicht von einem schwan auf die bühne gezogen, nein, dieser lohengrin, ganz in weiss, zieht selber - einen ebenso weissen kindersarg. elsa, die holde, wird zu unrecht verdächtigt, ihren kleinen bruder beseitigt zu haben, um an die macht zu gelangen. doch der ist nicht tot, sondern wurde von elsas rivalin ortrud verzaubert, genau, in einen schwan. richard wagners rittermärchen ist komplex und nicht immer stringent. regisseur damiano michieletto, der für seine klugen deutungen nördlich der alpen deutlich mehr geschätzt wird als in seiner heimat, seziert bei seinem wagner-debut höchst präzis die verstrickungen und verzweiflungen dieser figuren, stellt sie in einem abstrakten raum richtiggehend aus, ihre hoffnungen, ihre visionen, ihre albträume, ihre panik. der kindersarg sorgt immer wieder für schockmomente, selbst zum hochzeitsmarsch, auch der totgeglaubte junge erscheint plötzlich und gespenstisch und wie bomben hängen riesige schwaneneier vom himmel, mehr und mehr. diese menschen sind getriebene, von ambitionen und ängsten gequälte, das geht unter die haut. absolut packend, wie alle ihre rollen nicht nur stimmlich, sondern auch darstellerisch verinnerlichen und durchdringen. dmitry korchak in der titelrolle, hell strahlend im forte, leise leuchtend im pianissimo und mit perfekter diktion, wird dem derzeit weltbesten lohengrin, klaus florian vogt, schon bald ernsthaft konkurrenz machen. dirigent michele mariotti kostet das sphärische und das wuchtige des romantischen klangzaubers gleichermassen aus. zusammen mit den vieldeutigen bildern und symbolen verdeutlicht auch er, welch raffinierter psychologe wagner war. als der kleine sarg einmal geöffnet wird: nur lauter weisse federn. der ganze wahn funktioniert auch ganz ohne schwan.