„das habe ich so noch nie erlebt“, sagt mir eine besucherin am locarno film festival, die kaum einen film verpasst. gibt es aber doch, dass ein teil des publikums den saal verlässt, nicht einfach einzelne, die halt mal müssen, und auch nicht ganze scharen, aber doch ziemlich viele und zwar tröpfchenweise, alle paar minuten wieder einige mehr, der saal ist in bewegung, eine permanente unruhe begleitet den film des kolumbianischen regisseurs manuel ponce de león, der im cineasti-del-presente-wettbewerb läuft. „todos mis viajes son viajes de regreso“ (alle meine reisen sind reisen der rückkehr) ist tatsächlich nicht jedermanns und -fraus sache, er wirkt wie ein abenteuerfilm ohne abenteuer und in zeitlupe: ein boot gleitet im 19. jahrhundert auf dem kolumbianischen amazonas, darauf ein junges paar aus schweden auf der suche nach – ja, wonach eigentlich? gold? verwandte? seelenverwandte? oder das 21. jahrhundert? das boot gleitet und die beiden reden und schweigen und schlafen und das boot gleitet in ellenlangen einstellungen weiter. meistens passiert nichts, ab und zu begegnen sie auf einer sandbank einer schrägen gestalt, mal einem mexikanischen general im exil, mal einem schiffbrüchigen, historische realität und persönliche fiktion vermischen sich, aus dem jenseits meldet sich auch noch der vater der jungen frau. ob das eine suche nach dem ich und seinen wurzeln ist oder eine flucht vor diesem ich oder die suche nach einem anderen ich, das alles bleibt rätselhaft. langsam wie der fluss treibt die story dahin. das kann einen in kontemplative stimmung und melancholische reflexion versetzen oder man kann es verstörend und langweilig finden. ich wage mal die prognose, dass dieser film nicht zum breiten publikum finden wird. mir hat er gefallen, mir konnte die unruhe im saal die ruhe, die diese seltsame geschichte verströmt, nicht nehmen.
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