Montag, 27. Mai 2024

NIEDERRICKENBACH: JULIAN VON FLÜE TRIO

„uf de schattesiite“ heisst das stück, das der zuger akkordeonist julian von flüe jeweils bei abdankungen spielt (was er gerne tut). ein langsamer walzer, melancholisch, das abschiednehmen klingt durch, das loslassen und durchaus auch die zuversicht. passt bestens in die kleine kirche in niederrickenbach, wenn auch hier nicht bei einer abdankung, sondern im rahmen der konzertreihe a-horn, die vier mal im jahr die angesagtesten formationen der swiss-folk-szene ins kleine bergdorf bringt. julian von flüe präsentiert hier mit seinem trio, zu dem marc scheidegger (gitarre) und matthias abächerli (bass und violine) gehören, einen querschnitt durch sein stupendes musikalisches spektrum. diese melodien erzählen geschichten, in diesen klangwelten kann man sich als zuhörer verlieren, das sprichwörtliche kino im kopf beginnt auf hochtouren zu laufen: „rosmarie“ – war da nicht diese liebenswürdige, aber hypernervöse tante? „sturzflug“ kündet von flüe als romantische aviatik an – ein reiseerlebnis oder ein beziehungscrash? ob rumba oder irish folk, vieles gehen die drei gemächlich und traditionell an, steigern sich dann rasant ins wilde und fetzige und landen nicht selten im massiv groovigen. mit seiner frappanten fingerfertigkeit spielt sich julian von flüe, selbst im höllentempo, zu absoluter virtuosität. als zugabe – country ist seine grosse leidenschaft – gönnt er sich und uns dann einen hank williams, mit jeder strophe scheint er ein anderes pferd durch die prärie zu jagen, mal ein strammes, mal ein abgehalftertes, mal ein höchst elegantes, mal ein durchgebranntes. und was für diese pferde gilt, gilt genauso für die jungs vom julian von flüe trio: wehe, wenn sie losgelassen!    

Samstag, 25. Mai 2024

ZÜRICH: MARIUPOL DRAMA THEATRE

so sieht ein modernes denkmal aus: „mariupol drama theatre” – jetzt für eineinhalb wochen am neumarkt in zürich zu sehen – ist eine multimediale installation, die ein grauenvolles verbrechen gegen zivilistinnen und zivilisten bezeugt. das in kyiv und berlin basierte center for spatial technologies (cst) schuf eine digitale rekonstruktion des stattlichen theaters in mariupol, das die russen am 16. märz 2022 mit einer oder zwei 500-kilogramm-bomben zerstörten, und eine rekonstruktion des lebens, das über 2000 menschen in den drei wochen davor an diesem zufluchtsort führten: widerstand, verzweiflung, solidarität, resilienz, alles auf engstem raum. „ich kam mir vor wie in einem sozialen experiment“, sagt ihor navka in einem video. das cst analysierte tausende von social-media-posts, kreierte ein 3d-modell des theaters und führte interviews mit 27 überlebenden. ihre erinnerungen werden wach und lebendig, weil sie dank dem modell zurückkehren können in das theater, in die räume, in denen sie ausharrten, in den grossen luftschutzkeller, ins hauptfoyer, das zum kindergarten umfunktioniert wurde, in eine künstlergarderobe, die als arztpraxis diente. selbstorganisiert schufen 2000 menschen hier eine stadt in einem gebäude. die ruhe und die sorgfalt, mit der die überlebenden jetzt aus distanz darüber berichten, lässt erahnen, was für eine aussergewöhnliche leistung und was für ein starkes gemeinschaftserlebnis das für alle war. um dies für uns auch nur annähernd vorstellbar zu machen, betritt man die installation im saal des neumarkt-theaters auf umwegen, durch die garderoben, die engen gänge, die hinterbühne. einmal wird dann der ton auf dem grossen screen ausgeblendet und in der tiefe des raumes beginnt eine pianistin zarteste tonfolgen zu spielen, während die happigen bilder weiter laufen. so wird aus der dokumentation eine meditation, ein denkmal, ein eindrücklicher appell gegen das vergessen.

 

Freitag, 17. Mai 2024

LUZERN: NEUES THEATER, ZWEITER VERSUCH

jeder kinosaal wirkt einladender. ich bleibe dabei: andreas ilg und marcel santer besuchten wohl noch nie oder nicht oft ein theater. die gewinner des architekturwettbewerbs für das neue luzerner theater beweisen auch im überarbeiteten entwurf wenig kenntnis und sinn für einen stimmungsvollen zuschauerraum, neben der bühne immerhin der zentrale ort in einem theater. ilg/santer wollen dem luzerner publikum eine mehrzweckhalle zumuten: rechteckig, sehr hoch – und im gegensatz zum ersten anlauf klebt an den seitenwänden jetzt ein mickriger balkon, der die höhe und die nüchternheit der halle noch unterstreicht. es wird absolut spitzenmässige inszenierungen brauchen, um dies alles vergessen zu machen. die eine der beiden scheunenartigen aufbauten ist zur reuss hin jetzt voll verglast, eine art tropenhaus mitten in der stadt. und dass die architekten mit dem alten theater, das stehen bleiben soll, nicht viel anfangen können, hat sich seit dem ersten entwurf nicht geändert: die geschwungenen ränge als deko in einem vierstöckigen foyer, nun ja, man wird sich daran gewöhnen müssen. und jetzt zum positiven: die giebelhöhe des neubaus wurde leicht reduziert, so dass das ganze zwischen jesuitenkirche und altbau weniger wuchtig wirkt. das erdgeschoss wird durchlässiger und damit einladender auch für passantinnen und passanten. und es gibt neben der theaterbeiz im ehemaligen bühnenhimmel (für künstlerinnen und publikum) auch zusätzliche und leichter erreichbare gastronomische angebote. das ganze bleibt aber wegen der integration des alten theaters nach wie vor ein flickwerk. doch um allen missverständnissen vorzubeugen: luzern braucht dringend ein neues theater und trotz allen einwänden werde auch ich ja stimmen.

Donnerstag, 16. Mai 2024

LOZÄRN: OMEGÄNG

der französische soziologe und philosoph didier eribon besorgte sich das dialektwörterbuch der champagne, um für sein neues buch („eine arbeiterin“, suhrkamp) seiner entfremdeten und verstorbenen mutter und seiner herkunft auf die spur zu kommen, über den klang seiner heimat, den klang seiner jugend, den er sich im intellektuellen pariser milieu abtrainiert hatte. bestimmt die sprache unser wesen oder verhält es sich umgekehrt? das ist eine der fragen, die auch der lozärner filmemacher aldo gugolz in seinem film „omegäng“ stellt – ohne sie natürlich abschliessend beantworten zu können. der film ist eine reise durch die reiche welt unserer mundarten, vom flucharchiv im emmental zum open-air in der ostschweiz, von sprachpuristen zu sprachartistinnen, ein faszinierendes eintauchen in traditionelle und moderne volkskunde. was macht das mit einem eritreischen migranten, der in einer bürgler bäckerei arbeitet und sich durchaus deutsch verständigen kann, wenn er auch noch einen spezialkurs für „ürner tialäkt“ besuchen muss? hat pedro lenz recht, wenn er sagt, dass bei uns nicht der dialekt aussterben werde, sondern das hochdeutsche, das dem englischen weiche? was bedeutet es, wenn der feministische frauenchor „echo vom eierstock“ alte nidwaldner liedli mit frechen neuen texten aufpeppt? oder dass fast alle befragten in diversen regionen den ausdruck „omegäng“ zwar kennen – aber niemand genau erklären kann, was er bedeutet? mundart ist lebendige sprache, ist heimat, ist bewegung, ist vielfalt, „linguistische biodiversität“ nennt das franz hohler im film sehr treffend. und er hat auch eine klare vorstellung, was dialekt darf, nämlich alles: „was mundart ist, entscheidet der sprachgebrauch.“ omegäng.