marine
le pen wettert in breitem ostschweizer dialekt. sie wettert gegen die
herrschende klasse, die die krise zu verantworten hat, die krise, die krise,
die krise. immer lauter, immer aggressiver schreit sie einen text ihres vaters,
und selbstverständlich landet die grosse patriotin, immer noch in breitem ostschweizer
dialekt, bei jeanne d’arc, mit der natürlich alles ganz anders wäre. ein
steiler einstieg, der subito die brücke schlägt von der vergangenheit in die
gegenwart und von frankreich zu uns. „johanna!“ heisst der abend am luzerner
theater, mit dem sich die junge regisseurin sabine von der heyde der jungen
frau aus dem 15.jahrhundert annähert, die für ihre ideale gestorben ist und
seither für alle möglichen zwecke vereinnahmt wird. die bühne ist ein steil in
den zuschauerraum abfallender hörsaal, in dem vier frauen und ein mädchen die
rolle der johanna studieren und sie sich aufteilen. wild mischen sie zitate aus
den johanna-stücken von schiller, shaw und anouilh mit aussagen von
whistleblower snowden und terrorist breivik. was eine trocken-theoretische textcollage
hätte werden können, ist eine durchaus sinnlich-theatralische reflexion über
idealismus und seine grenzen und über die frage, wie weit religion als antrieb
taugt und sinnvoll ist. mal wird dieser hörsaal zum schlachtfeld, mal ist er
folterkammer, mal denkfabrik. nein, eine naive gläubige, die blauäugig zum
kampf schreitet, ist diese johanna nicht, sondern eine differenziert denkende,
agierende, verletzliche frau. und sie so, multipliziert auf diese vier unterschiedlichen,
allesamt hervorragenden schauspielerinnen und das tolle mädchen, aus nächster
nähe zu erleben, das ist ein starkes stück.
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