in diesem mit schwerem holz getäfelten wartesaal, den sich christoph marthaler und sein bühnenbildner duri bischoff für die staatsoper hamburg ausgedacht haben, wartet man nicht auf den nächsten zug, sondern auf den tod. zwei damen und drei herren reiben sich die augen und dann reiben sie ihre medaillen, ganz verzückt in vergangenen zeiten schwelgend, vielleicht sind die fünf ehemalige nobelpreisträger, vielleicht denken sie das nur. sie schubsen und sie setzen sich, stehen auf und stehen rum, wechseln die plätze, sie sind „die unruhenden“. christoph marthaler widmet sich mit diesem „abend in zimmerlautstärke“ ganz und gar gustav mahler, der an der hamburger oper von 1891 bis 1897 erster kapellmeister und groben anfeindungen ausgesetzt war. doch es ist kein abend über mahler, sondern einer mit mahler. kongenial lässt sich marthaler in dieser inszenierung auf die brüche in dessen musik ein, auf disharmonien, auf pausen, auf die vielen klänge aus der ferne. die sängerinnen, die schauspieler und ein paar musikerinnen des philharmonischen staatsorchesters werden in ein spiel mit melancholischen fragmenten verwickelt, in dem die grossen mahlerschen motive immer wieder anders anklingen: „oh mensch, gib acht“ aus der dritten symphonie, „aufersteh‘n, ja aufersteh’n“ aus der zweiten. einer der nobelpreisträger schnappt sich verzweifelt das blutdruckmessgerät, eine der hochbetagten hochbegabten schreibt leidenschaftlich liebesgedichte, einer realisiert, dass er nicht mehr alles realisiert. das ist traurig und komisch und leicht und schwer und also zutiefst menschlich. dieser abend ist eine zartbittere choreografie des abschiednehmens, die unruhenden verlieren sich in ihrer vergänglichkeit. „hören wir gerade eine symphonie? oder träumen wir sie?“ zu dieser musik läuft christoph marthaler als transzendenter zeitlupenkünstler noch einmal zu höchstform auf: entwischen wir gerade dem tod? sind wir noch da? oder schon drüben?
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen